Teil I: Vorgeschichte
Angefangen hatte alles im Sommer 2006. Wir waren 14 und verbrachten
viel Zeit im Stadion beim „Public Viewing“ der WM-Spiele. In den Halbzeiten
spielten, um die Massen anzuheizen, mehr oder weniger bekannte Bands aus
der Umgebung. KingsTonic aus Dortmund gefielen uns sofort. Hübsche
Jungs, sehr laut, tanzbar und mit Texten wie „Fuck your neighbour“... Wir
waren begeistert!
Nach ihrem Auftritt belagerten wir die Band, holten uns Autogramme,
machten Fotos und – aus heutiger Sicht, blamierten uns ganz schön.
Auch nach der WM in Deutschland legte sich diese Begeisterung nicht.
Ganz im Gegenteil, wir wollten immer mehr. Wir begannen, auf Konzerte zu
gehen, erst nur zu denen von KsT, lernten aber mit der Zeit immer mehr
lokale Größen wie Omas Zwerge, Kind im Magen? und Arme Ritter
kennen und waren schon sehr bald jedes Wochenende auf ihren Konzerten.
Dabei ging es um viel, viel mehr als nur die Auftritte der Bands. Wir fälschten
unsere Schülerausweise um in die Clubs und Kneipen zu kommen, fuhren
nach Düsseldorf, Dinslaken, Köln, Duisburg, Münster oder
sogar Hamburg und verbracht dort so einige Nächte, mal bestellten
wir nach der Show mit den Jungs von NoMeyers50 Pizza und Sekt um im GoGoRoseclub
in Münster auf Puahs 15. Geburtstag anzustoßen (morgens um 8
saßen wir dann nach einigen Stunden hin-und her gependel in der S1
zwischen Dortmund und Düsseldorf völlig fertig in der Schule),
mal verbrachten wir die ganze Nacht zwischen Verstärkern und Boxen
im Proberaum von KsT in Gelsenkirchen, und ein anderes Mal zogen wir während
des Hamburger Hafengeburtstages durch die Kiezkneipen und schliefen dann,
zwischen Besuchern aus ganz Deutschland mit Schlafsack und Isomatte auf
dem Hamburger Hauptbahnhof. |
Natürlich waren diese Nächte die Ausnahme, meistens
fuhren wir nach den Konzerten und etwas Small Talk alle zusammen wieder
nach Hause, aber wir waren so etwas wie eine kleine Familie. Immer wieder
trafen wir auf die selben Gesichter, grölten die Songs mit und hofften
auf den großen Durchbruch „unserer Bands“. Jetzt, wo einige dieser
Bands tatsächlich ziemlich bekannt sind, fette Major - Deals haben
und vor mehreren hundert Leuten spielen, zerbricht diese Gemeinschaft langsam.
Trotzdem ist es immer wieder eine riesen Freude, wenn dann alle mal wieder
zusammenkommen.Ich glaube, dadurch das wir, anders als die meisten Jugendlichen,
damit anfingen, auf kleine Konzerte von lokalen, noch wenig erfolgreichen
Bands zu gehen, haben wir dieses ganze „Bandding“ viel intensiver und facettenreicher
kennengelernt. Die meisten Leute werden zu Fans, wenn ihnen das, was sie
im Radio hören, im TV sehen oder ihnen im Internet empfohlen wird,
das was bereits berühmte Leute singen, spielen oder sagen, besonders
gut gefällt. Dann kaufen sie sich vielleicht Konzerttickets für
49,90 € - plus Vorverkaufsgebühr natürlich -
und stehen dann mit 500, 1000 oder gar 10. 000, Leuten in der LiveMusicHall,
den Westfalenhallen oder der Zeche und freuen sich darüber, wie toll
der oder die Künstlerin aussieht, wie gut die Lichtshow ist und wie
hoch die Soundqualität ist. Aber – wenn sie nicht ganz ganz ganz viel
Glück haben, werden sie ihren „Star“ niemals aus der Nähe sehen,
seinen Schweiß riechen und sich mit ihm darüber unterhalten,
wieso er das was er singt singt, wie ihm das Bier in diesem Club schmeckt
und wie es ihn genervt hat, dass ständig die Monitorbox ausgefallen
ist...
Auf solchen Konzerten war ich natürlich auch schon. Und es war
toll, die Band der Hammer und Sound und Licht wirklich fast wie im
Radio oder Fernsehen. |
Aber trotzdem glaube ich, dass das allein nicht gereicht
hätte, mich zu begeistern fürs Musik machen, Konzerte spielen
und wilde Aftershowpartys mit Freunden und Bekannten feiern.
Auf kleinen, fast intimen Konzerten mit vielleicht 50 Zuschauern wirkt
einfach alles viel realer – man ist näher dran an dem echten Geschehen
und spürt, was die Leute auf der Bühne antreibt...
Genau dieses Gefühl, diese Stimmung hat mich, Lili und Puah dann
auch schließlich dahin gebracht, es doch auch selbst mal zu versuchen...
Und dann haben wir einfach beschlossen, es nun zu wagen. Keiner von
uns spielte damals ein bandtaugliches Instrument und auch sonst war uns
praktisch alles was dazu gehörte, völlig fremd. Die Rollenverteilung
in der Band ging trotzdem sehr schnell. Lili wollte schon immer Gitarre
spielen, Puah war schon immer die talentierteste Sängerin unter uns
und ich schon immer die unmusikalischste, ich wurde zur Bassistin! Und
in Nora, der drei Jahre jüngeren Schwester von Puah fanden wir die
perfekte Schlagzeugerin – sie war damals die einzige, die ihr Instrument
schon länger spielte...
Worüber man sich alles Gedanken machen muss, wenn man plötzlich
eine Band gegründet hat, fiel uns erst mit der Zeit, Stück für
Stück auf. Wie sollte unsere Band heißen? Wollten wir auf Englisch
oder Deutsch singen? Und Warum? Woher einen Proberaum nehmen, ohne Geld,
ohne volljähriges Mitglied? Und dann, wenn all das geklärt ist
– wie fängt man eigentlich an zu proben und Lieder zu schreiben?
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